Dauer: 29. April – 4. Mai 2013
Etappen: 5
Gesamtstrecke: ca. 140 km
Route: Marburg – Niedereisenhausen – Irmgarteichen – Freudenberg – Wiehl – Overath

Es ist wieder soweit – mein zweiter Abschnitt auf dem Jakobsweg beginnt! Ich bleibe auf Jakobswegen in Deutschland, allerdings steht dieses Mal eine kürzere, aber nicht minder intensive Route auf dem Plan: fünf Tage Pilgern von Marburg nach Overath, durch Mittelhessen bis ins Bergische Land. Ich freue mich auf stille Momente, schöne Landschaften – und darauf, dem Alltag für eine Weile zu entkommen. Mein Ziel: gestärkt und gelassener in den Berufsalltag zurückkehren.
Tag 1 – Von Marburg nach Niedereisenhausen (29 km)
Ich starte in Marburg bei frischen 6 °C und etwas Sonnenschein. Der Himmel ist wolkig, aber freundlich – perfektes Pilgerwetter. Der Weg führt mich zunächst am Landgrafenschloss Maruburg vorbei.


Anschließend geht es über teils unspektakuläre Strecken mit vielen Landstraßenquerungen, was manchmal etwas nervt.
Doch ich genieße die Bewegung, den Rhythmus der Schritte und die Gedanken, die dabei in Gang kommen.
In Niedereisenhausen angekommen, erhalte ich meinen ersten Pilgerstempel in einer kleinen historischen Kapelle. Der Stempel selbst liegt bei einer älteren Dame, die direkt nebenan wohnt. Als ich bei ihr vorbeischaue, erzählt sie mir, dass sie kurz zuvor gestürzt ist. Ihre Hände sind an mehreren Stellen aufgerissen, also helfe ich mit Pflastern aus. Sie wirkt traurig – vor fünf Wochen hat sie ihren Mann verloren, und nun ist auch ihr Sohn im Urlaub. Ein stiller Moment des Mitgefühls.
Meine Unterkunft ist in die Jahre gekommen. Die Betreiberin – mit entzückendem niederländischen Akzent – ist freundlich, das Zimmer im Siebzigerjahre-Stil – charmant altmodisch, aber das Bad ist zu klein und riecht leicht muffig. Trotzdem: Meine Laune ist gut, körperlich geht’s mir nach Tag eins erstaunlich gut. Nur gedanklich bin ich noch zu sehr bei einem potenziellen Jobwechsel – mal sehen, ob ich den Kopf in den nächsten Tagen freibekomme.
Tag 2 – Von Niedereisenhausen nach Irmgarteichen (25 km)
Die Nacht ist unruhig – leichter Schüttelfrost setzt ein. Vielleicht war die Etappe gestern doch ein bisschen zu lang für den Anfang. Heute geht es weiter über Felder und Wiesen mit sanften Anstiegen. Die Dörfer Steinbrücken und Eberbach lasse ich zügig hinter mir – sie wirken trist und wenig einladend.

Doch hinter Rittershausen ändert sich alles: Die Landschaft wird ruhiger, weiter, und ich genieße das Wandern in vollen Zügen. Ich erreiche den Heiligen Berg, der mit seinen 606 Metern Höhe ein traditionsreicher Pilgerort ist. Oben steht eine kleine Kapelle, von der aus man eine wunderbare Aussicht auf das Umland hat. Der Feiertag bringt viele Spaziergänger mit sich, aber am Nachmittag bin ich fast allein auf dem Weg – ein schöner Kontrast.
Die Steigungen zur Haincher Höhe (mit etwa 600 Metern der höchste Punkt meiner Route) haben es in sich: vier Kilometer bergauf! Aber die Aussicht und das Gefühl, es geschafft zu haben, entschädigen für alles. Die Sonne zeigt sich heute von ihrer besten Seite – der Frühling ist endgültig da.
Tag 3 – Von Irmgarteichen nach Freudenberg (34 km)
Der längste Tag – und einer der schönsten! Bei strahlendem Sonnenschein gehe ich los. Die Landschaft wechselt zwischen dichten Wäldern, weiten Wiesen und idyllischen Tälern. Auch wenn die Steigungen heute sehr steil sind, geht es mir erstaunlich gut – mein Kopf ist frei, mein Tempo gleichmäßig. Ich durchstreife die Stadt Siegen mit einer sehr hübschen Altstadt.
Nur schade, dass die Touristeninformation keinen Pilgerstempel führt – dabei liegt die Stadt direkt am Jakobsweg!

Gegen Abend erreiche ich Freudenberg. Die Altstadt ist ein echtes Highlight: Der historische Stadtkern „Alter Flecken“ besteht aus rund 50 schieferverkleideten Fachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert – ein einzigartiges Ensemble, das unter Denkmalschutz steht. Beim Schlendern durch die engen Gassen fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt.

Heute waren wieder viele Kirchen verschlossen, was sehr schade ist, da für mich auch die innere Ruhe und das Gebet wichtig ist.
Tag 4 – Von Freudenberg nach Wiehl (34 km)
Heute erwartet mich die bisher schönste Etappe. Ich spüre: Ich bin im Oberbergischen angekommen – die Natur steht hier schon in voller Blüte. Überall blühen Kirschbäume, die Wiesen leuchten grün, und die Vögel singen um die Wette.

Ein besonderes Highlight ist das barocke Wasserschloss Crottorf, eingebettet in einen malerischen Park mit Teichen und alten Bäumen. Wenig später erreiche ich Eiershagen, ein mehrfach preisgekröntes Dorf mit prachtvollen Gärten, farbenfrohen Blumenbeeten und unglaublich gepflegten Häusern – zu Recht mehrfach bei „Unser Dorf hat Zukunft“ ausgezeichnet.
Die Strecke ist anspruchsvoll, besonders hinter Crottorf. Meine Füße schmerzen ordentlich, aber die Ausblicke in die hügelige Landschaft lassen mich alles vergessen. Die letzten zwei Stunden führen über Höhenzüge mit atemberaubenden Panoramen – ich bin glücklich, hier zu sein.
Tag 5 – Von Wiehl nach Overath (18 km)
Die letzte Etappe! Die Nacht ist kurz – in der Jugendherberge ist es trotz Schlafstöpsel laut, als meine Zimmernachbarn spät einchecken. Egal, ich starte früh und bin fast schon im Wandertempo unterwegs – es zieht mich Richtung Ziel.
Die Sonne scheint kräftig, und das Bergische Land zeigt sich noch einmal von seiner schönsten Seite. Immer wieder bleibe ich stehen, blicke über Felder, Hügel, Wälder – meine Heimat, wie ich sie liebe. Gegen Mittag ist es richtig warm, mein Schritt wird leichter, obwohl ich die vergangenen vier Tage durchaus in den Beinen spüre.
In Overath endet meine Pilgerreise und dort trefe ich dann auch die ersten Jakobspilger, die mir von der anderen Straßenseite „Buon Camino“ zurufen. Ich bin zufrieden, dankbar – und mir sicher: Das war nicht mein letzter Jakobsweg. Es tut gut, unterwegs zu sein. Einfach gehen, denken, fühlen.
Was bleibt: Viele Eindrücke, neue Perspektiven – und die Erkenntnis, dass es sich lohnt, einfach mal loszulaufen.
Fazit:
Diese Pilgerreise ist kürzer als mein erster Jakobsweg, aber nicht weniger intensiv. Besonders die Kombination aus innerer Einkehr und Heimatnähe hat ihren eigenen Reiz. Das Equipment braucht noch ein Update – vor allem bei den Schuhen und Rucksack–, aber die Vorfreude auf Teil 3 des Jakobswegs ist jetzt schon da.








