Hunsrück-Camino: Von Frankfurt über Bingen nach Trier

Der Weg ruft und endlich ist es wieder soweit. Mit neuem Equipment (deutlich kleiner Rucksack mit 45 l und neuen Schuhen) geht es von Frankfurt, über Mainz nach Bingen und von dort aus weiter nach Trier.

Ich rechne mit viel Ruhe, vor allem ab Bingen, denn die Eröffnung des Hunsrück-Caminos ist erst im Jahr 2013 erfolgt.

In diesem Blog habe ich meine Erlebnisse, Gedanken und Eindrücke festgehalten. Vielleicht spürst Du beim Lesen wieder ein Stück der Magie des Weges, die Ruhe, vielleicht auch die Begegnungen und das Gefühl, Schritt für Schritt dem Wesentlichen näherzukommen. Buen Camino, der Weg geht weiter.


Etappe 1 – 22. Mai 2026: Kurz-Etappe vom Frankfurter Hbf nach Frankfurt-Schwanheim (11km)

Das Pfingstwochenende kündigt sich mit bestem Wetter an und die Vorhersage verspricht Sonne für die kommenden Tage. Trotzdem wandern die Regenklamotten mit in den Rucksack. Zu oft habe ich auf früheren Wegen erlebt, wie aus blauem Himmel plötzlich Gewitter wurden.

Der Start verläuft zunächst weniger pilgerromantisch als geplant: Etwa 30 Minuten vor Ankunft erfahre ich, dass mein Zug wegen einer Weichenreparatur deutlich verspätet sein wird. Statt pünktlich anzukommen, werden daraus rund anderthalb Stunden später. Bahnsteigwechsel, weitere Verzögerungen, der übliche Mix aus Hoffen und Warten. Natürlich bringt das meinen Plan durcheinander. Aber ändern kann ich es ohnehin nicht. Also bleibe ich ruhig und nehme es als erste kleine Pilgerlektion des Tages: Nicht alles liegt in der eigenen Hand.

Mit knapp einer Stunde Verspätung erreiche ich schließlich Frankfurt.

Bislang kannte ich Frankfurt eigentlich nur aus dem Autofenster auf der A3 oder vom Flughafen. Umso überraschter bin ich, als ich den Römerberg erreiche, das historische Herz der Stadt. Zwischen Fachwerkfassaden, engen Gassen und dem imposanten Rathaus „Römer“ entsteht plötzlich ein Bild von Frankfurt, das so gar nichts mit Banken und Hochhäusern zu tun hat. Seit Jahrhunderten ist dieser Platz Bühne für Handel, Politik und Begegnungen. Besonders faszinierend wirkt der Kontrast zwischen mittelalterlicher Kulisse und der modernen Skyline im Hintergrund.

Geschichte und Wandel auf wenigen Metern. In der Evangelischen Alte Nikolaikirche erhalte ich dann meinen ersten Stempel.

Von dort führt mich der Weg weiter am Main entlang. Bei gefühlten 30 Grad pulsiert die Stadt zunächst voller Leben: Menschen sitzen am Ufer, Spaziergänger ziehen vorbei, Fahrräder summen über die Wege. Doch Schritt für Schritt wird es ruhiger.

Eine ältere Dame spricht mich an. Aus einem kurzen Austausch werden zehn Minuten und gefühlt ein ganzes Leben. Geschichten, Erinnerungen, Gedanken. Ich erfahre von ihr, dass sie alleinstehend ist, viele Verwandten und Freunde verstorben sind, sie aber nun als Miet-Oma Kinder betreut, da sie nie eigene hatte. Irgendwann erzählt sie mir, dass auch der Jakobsweg noch auf ihrer Bucketlist steht.

Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört.

Und doch berührt er mich jedes Mal aufs Neue, weil hinter ihm oft mehr steckt als nur ein Reiseziel: Sehnsucht, Aufbruch, vielleicht auch der Wunsch, sich irgendwann bewusst Zeit zu nehmen.

Nach knapp zweieinhalb Stunden erreiche ich Frankfurt-Schwanheim. Keine lange Etappe, aber ein Tag, der anders begonnen hat als geplant und vielleicht genau deshalb ein gelungener Auftakt ist.


Etappe 2 – 23. Mai 2026: Frankfurt-Schwanheim nach Mainz (31 km)

Vor einer Woche lagen die Tageshöchsttemperaturen noch bei gerade einmal 12 Grad. Heute fühlt es sich plötzlich nach Hochsommer an. Deshalb starte ich früh: Bereits um 7:30 Uhr verlasse ich meine Unterkunft in Frankfurt-Schwanheim, um die ersten Kilometer noch in der kühlen Morgenluft zu gehen.

Auf das Frühstück verzichte ich bewusst. Das hole ich später lieber bei einem lokalen Bäcker nach. Zunächst führt mich der Weg durch ein ruhiges Waldstück. Die Luft ist angenehm frisch, der Boden noch kühl und für einen Moment fühlt sich alles leicht an.

Unterwegs begegne ich einigen römischen Ausgrabungen. Sie sind zwar eher unspektakulär präsentiert, erinnern aber daran, wie viel Geschichte unter diesen Wegen liegt.

Dann geht es zügig hinunter zum Main. Ab jetzt heißt es: Sonne satt. Die ersten Kilometer am Wasser sind idyllisch, doch das Panorama verändert sich kaum.

Lange asphaltierte Wege, Industrieparks und wenig Schatten machen die Etappe zunehmend anstrengend. Untermalt wird dies von sehr niedrig anfliegenden Flugzeugen, der Flughafen Frankfurt befindet sich in unmittelbarer Nähe. Mir fällt dabei der Spruch von meinem Pilger-Freund Markus ein, den ich letztes Jahr auf dem Camino del Norte kennengelernt habe: „Pilgern bedeutet immer auch ein bisschen Leiden.“

Immer wieder sorgt die Muschel am Rucksack für kurze Begegnungen. Menschen grüßen, schauen interessiert oder sprechen mich an. Ein Rennradfahrer ruft beim Überholen: „Nice Camino!“ Das habe ich so auch noch nie gehört.

Kurz vor Mainz treffe ich ein Paar, das bereits mehrfach auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs war. Schnell entsteht dieser vertraute Pilgerplausch, den wohl nur Camino-Menschen kennen. Gemeinsam stellen wir fest: Der Spirit auf den spanischen Wegen ist nicht derselbe wie auf deutschen Jakobswegen. Und doch geben mir auch diese kurzen Caminos viel: Ruhe, fließende Gedanken und innere Entspannung, selbst dann, wenn die Füße längst müde sind.

Nach knapp 31 Kilometern erreiche ich den Mainzer Dom. Einen Pilgerstempel bekomme ich dort leider nicht, also muss wieder die Touristeninformation einspringen.

Pünktlich zum Mainzer Glockengeläut erreiche ich meine Unterkunft. Rund 50 Glocken aus 13 Türmen erklingen nur zu besonderen Anlässen. Heute, am Pfingstsamstag, ist so ein Moment. Ein kraftvoller, feierlicher Abschluss einer langen, heißen Etappe. 


Etappe 3 – 24. Mai 2026: Mainz nach Bingen (31 km)

Frohe Pfingsten und besser hätte der Tag kaum beginnen können. Nach einem außergewöhnlich guten Frühstück mit allem, was das Pilgerherz begehrt, Lachs, Rührei, Pfannkuchen und mehr, starte ich nicht direkt auf den Weg, sondern gönne mir noch einen Moment der Einkehr im Gottesdienst im Mainzer Dom.

Für mich gehören Besuche in Gotteshäusern vor, während oder nach einem Pilgertag einfach dazu. Sie schenken Ruhe, entschleunigen und geben den Gedanken Raum.

Anschließend verlasse ich zügig Mainz, wobei „zügig“ relativ ist, denn bis ich die Stadt wirklich hinter mir lasse, vergeht fast eine ganze Stunde. Unterwegs entdecke ich ein Fahrzeug, dessen Heckklappe unmissverständlich sowohl die politische Haltung als auch die Liebe zum Bier preisgibt.

Ich muss schmunzeln: meine eigenen Laptops sehen teilweise ähnlich aus. Nur mit deutlich weniger Politik, aber vielleicht einem Hauch Bier.

Die Wärme baut sich schnell auf, doch heute meint es der Weg gut mit mir: deutlich mehr Schatten als gestern, dazu wesentlich abwechslungsreicher und landschaftlich reizvoller. Gleichzeitig werden die Begegnungen seltener, was mich überhaupt nicht stört. Es sind diese stillen Stunden des Gehens, in denen Gedanken kommen und wieder verschwinden dürfen.

Der Weg führt vorbei an unzähligen Obstplantagen, durch Weinberge und sogar an einem blühenden Pfingstrosenfeld, passend zum Feiertag.

Besonders beeindruckt mich Ingelheim am Rhein. Die mittelalterliche Burgkirche und die mächtige Wehranlage ziehen mich sofort in ihren Bann.

Die Mauern wurden einst zum Schutz vor feindlichen Angriffen errichtet, die letztlich nie kamen. Umso schöner, dass die Anlage heute erhalten geblieben ist und mit ihren historischen Gebäuden eine Atmosphäre schafft, die an vergangene Jahrhunderte erinnert.

Aus der Ferne fällt mein Blick auf den Bismarckturm auf dem Westerberg.

Der 31 Meter hohe Turm wurde zwischen 1907 und 1912 vom damals neu gegründeten Rheinhessischen Bismarckverein errichtet; gedacht als patriotisches Gegenstück zum Niederwalddenkmal auf der anderen Rheinseite. Heute ist er offenbar ein beliebtes Ausflugsziel. Für mich liegt er allerdings zu weit abseits. Heute bleibt der Jakobsweg mein einziger Maßstab.

Nach knapp 29 Kilometern entdecke ich endlich mein Etappenziel (das Hildegard-Forum Bingen).

Die Freude hält allerdings nur kurz, denn es liegt noch gute zwei Kilometer entfernt und natürlich bergauf. Ein Pilgerklassiker.

Oben angekommen wartet dann aber genau das, was solche letzten Anstiege rechtfertigt: eine Jakobspilgerstatue und ein weiter, fast feierlicher Blick über das Rheintal.

Manchmal sind es nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die einen Pilgertag besonders machen, sondern das Zusammenspiel aus Weg, Landschaft und dem Gefühl, genau dort zu sein, wo man gerade sein soll.


Etappe 4 – 25. Mai 2026: Bingen – Rheinböllen (24 km)

Voller Energie nach dem außergewöhnlich reichhaltigen Frühstück starte ich in den Tag und bin überrascht, dass ich zunächst doch noch zur Jacke greifen muss. Trotz wolkenlosem Himmel und Sonne satt liegt am Morgen eine angenehme Kühle in der Luft, die den Aufbruch umso leichter macht.

Gemächlich laufe ich hinunter nach Bingen. Von dort öffnet sich der Blick auf die andere Rheinseite nach Rüdesheim, wo das imposante Niederwalddenkmal über dem Tal wacht. Mit seinen 31 Metern Höhe erinnert es an die Gründung des Deutschen Kaiserreichs nach dem Deutsch-Französischen Krieg und ist schon aus der Ferne ein markanter Orientierungspunkt.

Etwas weiter nördlich erkenne ich die ersten Ausläufer des Mittelrheintals. Die Landschaft, mit der ich bereits viele Erinnerungen verbinde, denn dort verläuft auch der linksrheinische Jakobsweg, den ich vor einigen Jahren selbst schon gegangen bin.

In Bingen beginnt gleichzeitig ein neuer Abschnitt: der Hunsrück-Camino Richtung Trier, der auch als Ausoniusweg oder Via Ausonia bekannt ist. Der historische Fernwander- und Pilgerweg orientiert sich an einer antiken Römerstraße. Genau dieses Gefühl begleitet mich, als ich die Nahe überquere und kurz darauf bergauf im Wald verschwinde, denn schon bald laufe ich wieder auf den alten Trassen vergangener Jahrhunderte.

Der Weg selbst ist herrlich unspektakulär; keine großen Inszenierungen, keine spektakulären Höhepunkte. Stattdessen Wald, Ruhe und gleichmäßiges Vorankommen. Die schattigen Wege schützen zuverlässig vor der inzwischen kräftiger werdenden Sonne, und die vertrauten Wegmarkierungen geben Orientierung und ein angenehmes Gefühl des Unterwegsseins.

Auf 607 Metern Höhe erreiche ich schließlich den Ohligsberg. Von oben öffnet sich der Blick auf das Mittelrheintal. Den Rhein selbst kann ich zwar nicht entdecken, aber die Weite der Landschaft macht den Anstieg dennoch lohnend.

Nach entspannten 24 Kilometern erreiche ich schließlich Rheinböllen.


Etappe 5 – 26. Mai 2026: Rheinböllen nach Kirchberg (28 km)

Wie so oft starte ich auch heute früh in den Tag, diesmal mit Frühstück to go und noch nichts ahnend von dieser besonderen Begegnung am Nachmittag. Dazu später mehr. Gerade diese ersten Stunden liebe ich besonders: Wenn die Sonne noch tief steht und die Landschaft in warmes Gelb taucht, wirkt alles ein wenig ruhiger und weicher. Felder, Wiesen und kleine Waldstücke wechseln sich auf den ersten zwölf Kilometern ab. Die Strecke ist angenehm zu gehen: wenig Steigung, dazu ein leichter Wind. Irgendwann gönne ich mir ein Stück Käsekuchen.

Vielleicht lag es am Hunger, vielleicht am Moment, aber selten hat eines besser geschmeckt.

Über Simmern erhebt sich sichtbar die Kirche der evangelischen Gemeinde.

Der Blick dorthin lohnt sich, genauso wie der kleine Abstecher in die Touristeninformation. Dort versuche ich, die Aufschrift auf einem Aufkleber zu entschlüsseln: „Eisch sinn en Hunsricker“. Die freundliche Übersetzung folgt sofort: „Ich bin ein Hunsrücker.“

In Simmern begegnet mir dann immer wieder ein Name: Johannes Bückler oder besser bekannt als der Schinderhannes. Der wohl berühmteste Räuber des Hunsrücks wurde 1799 festgenommen und einige Monate im heutigen Schinderhannesturm eingesperrt, den ich leider verpasst habe. Seine spektakuläre Flucht in der Nacht vom 19. auf den 20. August 1799 machte ihn irgendwo zwischen historischem Verbrecher und regionalem Mythos endgültig zur Legende.

Hinter Simmern überrascht mich plötzlich ein etwa fünf Meter hoher Totempfahl am Wegesrand. Ich halte kurz inne, suche nach einer Erklärung, finde aber nichts.

Manchmal bleiben Dinge einfach ohne Geschichte. Oder man kennt sie nur noch nicht.

Wenig später nähere ich mich einer Baustelle. Drei große Traktoren stehen bereit, irgendetwas wird transportiert. Fast bin ich schon vorbei, als ich hinter mir ein kräftiges „Hallo!“ höre. Ein junger Mann in gelber Warnweste kommt auf mich zu, breit grinsend, und fragt direkt: „Bist du auf dem Jakobsweg?“

Was folgt, ist eines dieser Gespräche, die völlig ungeplant entstehen und die man nicht mehr vergisst.

2020 ging er selbst bis nach Santiago. Spontan, ohne großen Plan. Er kündigte Job und Wohnung und stand zwei Tage später mit seinem Hund auf dem Jakobsweg. Fast ohne Geld, mit Ausrüstung, die Freunde und Familie zusammengestellt hatten . Am Ende rund 25 Kilogramm auf dem Rücken. Er erzählt nicht von Kilometern oder Herbergen. Er erzählt von Begegnungen. Von Menschen, die geholfen haben. Von einer Zeit, in der wegen Corona vieles geschlossen war und trotzdem immer wieder Türen aufgingen. Der Auslöser seiner Reise war ernst und ich merke beim Zuhören, wie sehr ihn dieser Weg verändert hat.

Er sagt, dass er auf dem Camino wieder eine Verbindung gespürt hat; zu sich selbst, zum Leben, zum Universum, wie er es nennt. Und dass dieses Gefühl geblieben ist. Gänsehaut bei mir.
„Jeder wird auf dem Jakobsweg seinen Weg und sein persönliches Ziel finden.“

Wir reden noch eine Weile. Diese besondere Verbundenheit unter Pilgern, die ich im letzten Jahr auf dem Camino del Norte erlebt habe, ist plötzlich wieder da. Obwohl wir uns vorher nie gesehen haben. Dann sagt er noch etwas zu Abschied, das mich unerwartet trifft:

„Auch du wirst das finden, wonach du suchst und zwar sehr bald.“

Gänsehaut Nummer zwei.

Diese Begegnung begleitet mich den gesamten restlichen Tag.

Vielleicht gerade deshalb wirken die Landschaft und die Stille danach noch intensiver.

Schon gegen 16 Uhr erreiche ich Kirchberg, hole mir meinen letzten Pilgerstempel ab und schaue mich in dem hübschen Städtchen um.

Und dann die Erkenntnis des Tages: Zur Unterkunft sind es noch einmal zwei weitere Kilometer.

Pilgern bleibt eben bis zum Schluss ehrlich.


Etappe 6 – 27. Mai 2026: Kirchberg nach Morbach (28,5 km)

Mit den ersten Schritten des Tages stehe ich im Wald und atme die herrlich frische Morgenluft ein.

Schon nach wenigen hundert Metern wird es historisch. Erste Hinweisschilder verweisen auf eine alte Wagenspur, die heute kaum noch zu erkennen ist.

Dafür führt mich der Weg über eine frühgeschichtliche Steinstraße, die teilweise bereits in römischer Zeit genutzt wurde. Beeindruckend, auch wenn die groben Steine das Gehen nicht gerade komfortabler machen.

Ganz unerwartet taucht wenig später ein Limes-Wachturm zwischen den Bäumen auf. Für einen Moment fühlt es sich an, als wäre ich mitten in die römische Grenzwelt geraten.

Die Informationstafel klärt allerdings auf: Es handelt sich um eine Nachbildung. Trotzdem bleibt der Ort spannend, als Erinnerung daran, wie präsent die römische Vergangenheit hier noch immer ist.

Kurz darauf stoße ich auf einen schwarz-rot-gold bemalten Grenzstein, eingebettet in sattgrünes Gras. Die Schautafel dahinter erzählt eine erstaunliche Geschichte: Über Jahrhunderte markierte dieser Ort entlang der alten Römerstraße die Grenzen verschiedener Herrschaften, später auch französischer und preußischer Verwaltungsräume. Faszinierend ist vor allem, dass dieselbe Trasse über nahezu 2.000 Jahre gleichzeitig Verkehrsweg, Orientierungslinie und Grenzraum geblieben ist.

Die nächsten Kilometer ziehen sich. Es wird heiß, die Wege lang und die Einsamkeit des Hunsrücks ist deutlich spürbar. Umso größer ist die Freude über einen kleinen Getränkestopp unterwegs: Ein kühles Getränk gegen Spende und dazu ein weiterer Stempel für meinen Pilgerausweis.

Schließlich erreiche ich das Kulturzentrum Archäologiepark Belginum. Belginum war einst eine bedeutende römische Siedlung an der Fernstraße zwischen Mainz und Trier, der heutigen Hunsrücker Höhenstraße. Hier kreuzten sich Handelswege, Reisende legten Pausen ein und Waren wurden umgeschlagen. Die langgestreckten Gebäude lassen sich am Beispiel des Museum-Gebäudes gut nachvollziehen.

Die Ausgrabungen machen eindrucksvoll sichtbar, dass der Hunsrück bereits vor fast 2.000 Jahren Teil eines weit verzweigten römischen Verkehrs- und Wirtschaftsnetzes war.

Nach einer letzten ausgedehnten Pause steuere ich schließlich meine Unterkunft in Morbach an.

Der Ort liegt nicht direkt am Jakobsweg und kostet mich einen Umweg von rund vier Kilometern; das Netz an Unterkünften ist auf den letzten 40 Kilometern sehr dünn gesät.


Etappe 7 – 28. Mai 2026: Morbach nach Mehring (35,5 km)

„Buen Camino!“ hallt es plötzlich an der Kasse im Supermarkt, als ich morgens meinen Proviant für die lange Etappe zusammensuche. Erschrocken drehe ich mich um und blicke in ein fröhliches Gesicht. Die Jakobsmuschel an meinem Rucksack hat mich verraten. Sofort entsteht dieser vertraute Pilgerplausch: Wo kommst du her? Wohin gehst du? Wie weit heute noch? Es sind nur wenige Minuten, aber genau solche Begegnungen machen den Jakobsweg so besonders.

Danach wird es still. Sehr still sogar.

Die heutige Etappe führt mich durch eine beeindruckend einsame Landschaft. Über den gesamten Tag verteilt begegnen mir gerade einmal fünf Menschen. Mehr als ein kurzes „Morje“ wird dabei kaum gewechselt. Zunächst muss ich zurück auf den eigentlichen Jakobsweg gelangen; acht Kilometer entlang einer kaum befahrenen Landstraße. Nicht spektakulär, aber immerhin ruhig.

Immer wieder öffnen sich weite Blicke über den Hunsrück. Sanfte Hügel, grüne Wiesen und dichte Wälder prägen die Landschaft.

Doch der Weg zeigt heute auch seine raue Seite. Ein Abschnitt ist nur schlecht ausgeschildert und wirkt, als würde er kaum begangen werden. Hohes Gras, Gestrüpp und Brennnesseln säumen den schmalen Pfad. Teilweise muss ich mich regelrecht hindurchkämpfen.

Dazu kommen deutlich mehr Höhenmeter als an den vergangenen Tagen. Die ständigen An- und Abstiege kosten Kraft. Und erneut zwingt mich ein Umweg zu meiner Unterkunft, der sich gefühlt endlos hinzieht. Mit jedem Kilometer werden die Füße schwerer.

Doch der ganze Frust ist vergessen, als ich am späten Nachmittag die Mosel erblicke und schließlich Mehring erreiche.

Die ruhige Flusslandschaft, das warme Licht und das Wissen, es wieder geschafft zu haben, versöhnen mich mit diesem anstrengenden Tag.

Trotzdem: Heute war einer jener Pilgertage, an denen man sich jeden einzelnen Kilometer ehrlich verdienen musste.


Letzte Etappe 8 – 29. Mai 2026: Mehring nach Trier (20 km)

Eine Woche Pilgern liegt hinter mir, und ich starte mit gemischten Gefühlen in die letzte Etappe. Da ist die Freude über all das Erlebte: die Ruhe, die Natur, die vielen Stunden allein mit meinen Gedanken. Gleichzeitig macht sich Wehmut breit. Obwohl das Pilgern entschleunigt, sind die Tage viel zu schnell vergangen.

Heute entscheide ich mich für den direkten Weg nach Trier und verzichte auf die zusätzlichen Kilometer zurück zum offiziellen Hunsrück-Camino. Kurz vor Trier treffen beide Wege ohnehin wieder aufeinander. Zunächst führt mich der Weg über den Moselsteig, der seinem Namen alle Ehre macht.

Es geht steil hinauf und ebenso steil wieder hinab; durch Weinberge, schattige Wälder und vorbei an immer neuen Ausblicken auf das Moseltal.

Nur gelegentlich unterbrechen moderne Bauwerke die idyllische Landschaft, allen voran die mächtige Talbrücke kurz vor Trier.

Während ich laufe, lasse ich die vergangenen Tage Revue passieren. Ich denke an die kurzen, aber intensiven Begegnungen unterwegs, an den Duft von frischem Wald und gemähtem Gras, der mich fast täglich begleitet hat. Ich erinnere mich an die Momente vollkommener Stille, in denen ich das Gefühl hatte, der einzige Mensch auf der Erde zu sein. Aber auch an die Stunden, in denen sich der Weg endlos zog und jeder Kilometer hart erarbeitet werden musste. Und natürlich denke ich an das außergewöhnliche Wetter und frage mich einmal mehr, warum ich die Regenkleidung überhaupt mitgeschleppt habe.

Etwa acht Kilometer vor dem Ziel taucht am Horizont erstmals die Skyline von Trier auf.

Sofort steigt die Vorfreude. Schritt für Schritt nähere ich mich wieder der urbanen Welt. Doch als ich die ersten Vororte erreiche, trifft mich der Kontrast unerwartet stark: Verkehrslärm, warme Luft und das geschäftige Treiben der Stadt wirken nach einer Woche in der Natur beinahe befremdlich.

Dann steht sie plötzlich vor mir: die Porta Nigra.

Obwohl ich bereits mehrfach als Pilger hier angekommen bin, erfüllt mich dieser Moment erneut mit großer Freude. Trier ist ein besonderer Ort auf dem Jakobsweg. Hier treffen der Mosel-Camino, der Eifel-Camino (Via Coloniensis) und der Hunsrück-Camino aufeinander. Mit dem heutigen Tag schließe ich alle drei Jakobsweg ab, die hier in Trier enden. Von hier führt der Weg weiter nach Frankreich, über Toul und schließlich Richtung Santiago de Compostela.

Ich folge der Hauptstraße weiter zum Trierer Dom. Schon 2012 stand ich hier am Ende meines ersten Jakobsweges. Damals hatte ich das große Glück, die Heilig-Rock-Wallfahrt zu erleben und den Heiligen Rock aus nächster Nähe sehen zu können; ein Erlebnis, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Im Dom-Informationszentrum erhalte ich schließlich meinen letzten Pilgerstempel. Schnell, unspektakulär und ohne großes Zeremoniell. Nach acht Tagen und unzähligen Eindrücken endet meine Pilgerreise.

Der Weg ist zu Ende.


Fazit: 
Der Hunsrück-Camino ist ein ruhiger, abwechslungsreicher und vielleicht auch unterschätzter Jakobsweg. Wälder, Hochflächen, Römergeschichte und weite Ausblicke prägen den Weg. Ein Pilgerweg, der weniger von großen Sehenswürdigkeiten lebt, sondern von seiner Stille, Weite und Authentizität.

was sonst noch …

Blasen an den Füßen:
Zu viel Gepäck mitgenommen in Kilogramm: 2 (die blöden Regenklamotten)
Begegnungen mit Jakobspilgern: leider 0
Begegnungen mit Pilgern im Herzen:  unzählige 
Erpilgerte Kilometer: 209
Regentage: 0
Erfüllung in %: 100 


letzte Änderung:

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